Ob in der Schule oder durch informelle Bildungsangebote – ohne den Menschen eine Chance zum Lernen zu geben, kann die Armut nicht besiegt werden.
Am 8. September findet jedes Jahr der internationale Weltbildungstag statt. Damit haben die Vereinten Nationen der Bildung ein symbolisches Denkmal gesetzt. Eines, das uns daran erinnert, dass noch immer jeder fünfte Erwachsene nicht lesen und schreiben kann. 774 Millionen Menschen auf dieser Welt können ihren Namen nicht unter Verträge setzen – und sind damit vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie können weder Kredite beantragen, Sparkonten eröffnen, Landrechte erwerben oder Versicherungen abschließen. Dazu kommen mehr als 70 Millionen Kinder, die zwar das richtige Alter besitzen aber dennoch nicht zur Schule gehen. Statt Matheformeln und Satzstruktur zu üben, pflügen sie Felder, helfen im Haushalt oder pflegen kranke Familienangehörige. Der größte Teil von ihnen – knapp 70 Prozent - lebt im südlichen Afrika sowie in Süd- und Westasien.
Lernen, um zu Überleben
Lernen ist ein Prozess der persönlichen Entwicklung. Für den Menschen ist das Lernen damit fast so wichtig ist wie Luft zum Atmen. Kinder, die nicht zur Schule gehen können sind wie Bergsteiger in schwindelnder Höhe: Die Sauerstoffknappheit legt die Talente lahm, das logische Denken setzt aus und das Ziel, den Gipfel zu erreichen flimmert unerreicht in weiter Ferne. Doch während für Bergsteiger dieses Ziel nur ein Freizeithöhepunkt ist, so bedeutet der Gipfel für Kinder in den Entwicklungsländern den Ausbruch aus der Armut. Eine gute Ausbildung ist für viele Jugendliche das Sprungbrett zu einer besser bezahlten Arbeit jenseits der heimatlichen Felder. Damit können sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Eltern und ihre zukünftigen eigenen Kinder ernähren.
Doch es hängt noch viel mehr an der Bildung: Jährlich könnten sich beispielsweise 700.000 Kinder vor einer Ansteckung mit HIV schützen, wenn sie lernten, was die Krankheit AIDS bedeutet und wie man einer Infektion mit dem HI-Virus vorbeugt (mehr dazu in
CARE Affair #1 „AIDS“
). Mädchen, die in die Schule gehen, heiraten in der Regel später, bekommen weniger Kinder und ernähren ihre Töchter und Söhne gesünder. Das hat wiederum Auswirkungen auf das gesamte Land: Das Bevölkerungswachstum sinkt, es stehen mehr ausgebildete und gesunde Arbeitskräfte zur Verfügung – und die Wirtschaft wächst.
Helfende Hände statt paukende Köpfe
Es gibt viele Gründe dafür, warum Kinder nicht zur Schule gehen können. Zum einen sind die Eltern auf ihre Arbeitskraft angewiesen. Viele Kinder bedeuten viele helfende Hände. Doch viele Kinder müssen auch ernährt werden. Selbst wenn der Staat keine Schulgebühren erhebt, so ist für Uniformen und Schulmaterialien meist nichts mehr in der Haushaltskasse übrig. Und wenn, dann haben die Söhne das Vorrecht aufs Lernen. Gewähren Eltern ihren Töchtern eine Schulbildung, so ist die Angst groß, dass sie auf dem langen Schulweg Opfer von Vergewaltigung werden. Dazu kommt die mangelnde Sanitärversorgung: In Bangladesch gehen 11 Prozent mehr Mädchen in die Schule, wenn ausreichend Toiletten und Waschgelegenheiten vorhanden sind.
Oft beenden die Kinder jedoch nicht den kompletten Schulzyklus. In schlechten Zeiten, nach Dürren oder Flutkatastrophen, wenn die gesamte Ernte und damit das Einkommen vernichtet ist, ist es die Schule, an der zuerst gespart wird. Fehlen sie zu oft, müssen die Kinder das Schuljahr wiederholen. Mit fataler Folge: In Afrika oder Lateinamerika bricht jeder zweite Schüler die Schule bis zur 6. Klasse vorzeitig ab.
43 Millionen Kinder können nicht lernen, weil ihre Dörfer in der Schusslinie von Kriegen oder Konflikten liegen. Viele mussten mit ihren Eltern in überfüllte Flüchtlingslager fliehen – und diejenigen, die zu Hause blieben, stehen vor den Trümmern ihrer zerstörten Schulsysteme. Etwa eine Viertelmillion Kinder zieht als Kindersoldaten durch ihr Land. Sie alle wurden ihrer Kindheit, ihrer Eltern und ihres Menschenrechts auf Bildung beraubt. Kriege, Armut und Ungerechtigkeit sind die Steine und Schluchten auf dem Weg zum Gipfel, dem Weg der Schulbildung von Millionen Kindern.
Mehr Bildungs- und Ausbildungsprogramme notwendig
Obwohl viele Länder in den letzten Jahre große Fortschritte erzielten, herrscht ein extremer Mangel an Lehrkräften und finanziellen Grundlagen. Oft werden die Lehrer schlecht bezahlt und können nur mit einem Zweitjob überleben. Eine richtige Ausbildung haben sie selten. Um die Kosten gering zu halten, engagieren beispielsweise der Tschad, Togo und Mauretanien Vertragslehrer, die nur befristet und mit einer Kurzausbildung von gerade mal einem Monat in den Unterricht geschickt werden.
Viele Schulen haben nur einen einzigen Raum, in dem alle Klassen gleichzeitig unterrichtet werden. Im Kongo trifft ein einzelner Lehrer auf 83 Schüler – unmotivierte Lehrkräfte stehen frustrierten Schülern gegenüber. Und auch die Pandemie AIDS fordert ihren Tribut: Beispielsweise sind in der Zentralafrikanischen Republik 85 Prozent der Lehrkräfte durch die Immunkrankheit gestorben. Doch je mehr Kinder zur Schule gehen, desto mehr qualifizierte Lehrer werden gebraucht. Weltweit müssten bis zum Jahr 2015 mindestens 18 Millionen Lehrer zusätzlich eingestellt werden, damit das Millenniumsentwicklungsziel der Vereinten Nationen - jedes Kind erhält eine Grundbildung - erreicht wird.
Umfassende Bildungsprogramme sind teuer und für Entwicklungsländer unerschwinglich. Alle Länder des südlichen Afrika geben gemeinsam soviel Geld für Bildungsprogramme aus wie Deutschland allein. Bildung, die über die Grundschule hinausgeht, ist purer Luxus. Doch um die Entwicklungsländern wenigstens mit dieser primären Schulbildung auszustatten sind höhere Finanzhilfen der Industrieländer, unter anderem Deutschlands, dringend notwendig.
CARE hat unterschiedliche Lösungen entwickelt, um den Menschen das Lernen zu ermöglichen. So beispielsweise einen flexiblen Unterrichtsplan in Äthiopien, der es den Nomaden erlaubt, auch bei steter Wanderbewegung ihre Kinder zur Schule zu schicken. In
Lesotho helfen CARE-Mitarbeiter den Lehrern, in ihren Schulen Gemüsegärten anzulegen. Die Schüle erhalten somit täglich eine gesunde Mahlzeit – und die Eltern einen Anreiz, ihre Kinder lernen zu lassen. In Afghanistan holen Mädchen in einem Schnelllernprogramm nach, was sie während der Talibanherrschaft verpasst haben. CARE baut dort nicht nur Schulen, sondern richtet auch Latrinen und Waschräume für Mädchen ein. Und nachdem Taifun Lekima in
Vietnam viele Schulen zerstörte, verteilte CARE kurzerhand neue Schulmaterialen. So konnten es sich die Kinder weiterhin leisten, den Unterricht zu besuchen.
Lernen ist nicht allein Schulbildung
Alle 774 Millionen Erwachsenen, die nicht lesen und schreiben können, müssen auf anderem Wege die verpasste Schulbildung nachholen. Beispielsweise in Spargruppen. In vielen Ländern Afrikas lernen je 15 Frauen pro Gruppe, wie sie ihr karges Einkommen effektiv sparen können. Sie lernen zu rechnen, mit Geld umzugehen – und zu investieren. Beispielsweise in kleine Bäckereien, in die Hühnerzucht oder Schneidereien. So hat CARE schon hunderte Frauen zu Kleinunternehmerinnen heranreifen sehen. In den Flüchtlingslagern Kenias gibt CARE eine Jugendzeitung heraus, in denen somalische Jugendliche, die teilweise ihr ganzes Leben im Flüchtlingslager verbracht haben, ihre Gedanken und Wünsche ausdrücken. Dort lernen sie zu recherchieren, Artikel zu schreiben und zu redigieren. Kurzum, das Handwerk eines jeden Journalisten.
Auch die Bewältigung eines Traumas, beispielsweise nach Kriegen und Katastrophen, ist Lernen. Lernen, mit Erlebnissen umzugehen, zu vergeben und einen friedlichen Neuanfang zu wagen. CARE hilft im Kosovo Lehrern, ihre Kriegserlebnisse aufzuarbeiten. Betroffene des Tsunami erhielten von CARE nicht nur Lebensmittel und Unterkünfte, sondern auch psychologische Unterstützung. Ob Grundschüler, Teenager oder Erwachsener – sie alle müssen lernen. Lernen zu leben und zu überleben.
Jeder kann helfen
CARE engagiert sich auch in Deutschland dafür, dass alle Menschen eine Grundbildung erhalten. Obwohl die Bundesregierung die Förderung der Bildung als einen Schwerpunkt ihrer Entwicklungszusammenarbeit ansieht, flossen gerade mal ein Prozent der staatlichen Entwicklungshilfe in diese Richtung. CARE ruft im Rahmen der
Globalen Bildungskampagne dazu auf, den Misstand zu beheben. Das Bündnis aus Hilfsorganisationen, Lehrergewerkschaften und Verbänden setzt die Regierungschefs der Industrienationen wieder auf die Schulbank und stellt ihnen ein Zeugnis über ihren Beitrag zum Ziel „Bildung für alle“ aus. Angela Merkels Note: 4. Zum wiederholten Male.
In deutschen Schulen ist CARE mit der Kampagne
WE CARE
aktiv. Mehr als 1.800 Schüler haben im vergangenen Jahr teilgenommen und sich für Kinder auf der ganzen Welt eingesetzt. Auch die globale Bildungskampagne macht Schulen mobil: Sie organisiert jedes Frühjahr Aktionswochen, in denen Schulklassen in Afrika, Asien und Lateinamerika teilnehmen. Im Jahr 2008 ist die größte Unterrichtsstunde der Welt geplant – mit Weltrekordversuch.

CARE unterstützt zudem die Aktion
„Deine Stimme gegen Armut“. Die deutsche Sektion der globalen Bewegung macht kräftig Druck auf die Bundesregierung. Zahlreiche Aktionen und Veranstaltung drängen Deutschlands Kanzlerin Merkel, die Millenniumsentwicklungsziele nicht aus den Augen zu verlieren, Millionen Menschen haben dafür schon ihre Stimme angegeben. Und jede Einzelne zählt.
Argentinien: Bildungschancen für Slumkinder in Buenos Aires
Indonesien: Jugendzentrum hilft bei sozialen und medizinischen Fragen
Kosovo: Förderung von Toleranz als erster Schritt Richtung Frieden
Lesotho: Ein Garten fürs Leben – Hilfe für von AIDS betroffene Kinder
Vietnam: Netzwerk zur Stärkung des Katastrophenschutzes
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