Es ist so banal wie richtig: Jede Hilfe ist nur so gut wie die Professionalität und Sensibilität, mit der sie ausgeübt wird. Das betrifft die eigene Arbeit – und nicht minder die Zusammenarbeit mit anderen, die dasselbe Ziel haben. Wie fatal sich gutgemeinte Hilfe auswirken kann, wenn es an ihrer Koordination mangelt, das musste die internationale Hilfsgemeinschaft 1994 schmerzhaft – und selbstkritisch – erkennen: Als „schönstes Flüchtlingslager der Welt“ wurden die Zustände im Zairischen Goma verspottet, dem damals größten Camp für Genozid-Flüchtlinge aus Ruanda. 180 Hilfsorganisationen schienen einander überbieten zu wollen in ihrer Unterstützung für die Ankommenden, die, eine zusätzliche Tragik, nicht selten zu den Tätern gehört hatten. Der Handel mit Hilfsgütern auf dem Schwarzmarkt nahm in kürzester Zeit beachtliche Ausmaße an.
Auch CARE war in Goma. Auch CARE zog eine selbstkritische Bilanz. Das gemeinsame Fazit: Eine verlässliche Qualitätssicherung in der Nothilfe war das Gebot der Stunde.
1997 stellten CARE und andere Nichtregierungsorganisationen gemeinsam mit dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond das Ergebnis ihrer Initiative vor: das Sphere-Projekt. Es ging um zweierlei: die Qualität von Nothilfe für von einer Katastrophe Betroffene zu verbessern und die Effekte humanitärer Maßnahmen messbar zu machen. Der Name Sphere soll andeuten, dass es sich dabei nicht um eine regional unterschiedliche, sondern um eine universelle Aufgabe handelt. Basis für Sphere sind der „Code Of Conduct“ (s.S. 19) sowie zwei Kernbekenntnisse:
Es sind alle möglichen Schritte zu unternehmen, aus Katastrophen und Konflikten entstandenes menschliches Leid zu lindern. Von humanitären Katastrophen betroffene Menschen haben das Recht auf ein Leben in Würde und damit das Recht auf Hilfe.
Was aber leistet Sphere – über ein symbolisches Bekenntnis hinaus – für die Praxis der Nothelfer? Welche Orientierungshilfe für ihr Handeln gibt es ihnen mit? Die Antworten findet man im Handbuch: „Die humanitäre Charta und Minimalstandards in der Katastrophenhilfe“. Gemeinsam entwickelten die beteiligten Organisationen hier Minimalstandards in fünf Bereichen – Wasser und sanitäre Versorgung, Ernährung, Nahrungshilfe, Unterkunft und Infrastruktur sowie Gesundheitsversorgung –, auf die jeder Mensch überall und in jeder Situation Zugriff haben sollte. Vom Mindestkalorienbedarf bis zur Grundimmunisierung werden Helfern hier ausführliche praktische Empfehlungen für die Planung und Durchführung ihrer Projekte gegeben. Sie dienen gleichermaßen als Handlungsempfehlung und als Maßstab, an dem sich die Qualität der geleisteten Hilfe messen lässt. Regelmäßige Workshops, Auswertungen und eine interaktive Website ergänzen das Handbuch und runden das gemeinsame Qualitätsmanagement ab.
Wer sich zu Sphere bekennt, geht eine freiwillige Selbstverpflichtung ein. Es ist die Selbstverpflichtung zu Transparenz, Effizienz und Messbarkeit des eigenen Tuns – in Respekt vor den Menschen, die ein Recht auf unsere Hilfe haben.