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Oscarcito und ich – Geschichte einer Freundschaft

In Argentinien gibt es nicht nur leckere Steaks und guten Fußball: Der Kabarettist Horst Schroth engagiert sich für Straßenkinder in Argentinien.

Horst Schroth in einer Schule in Buenos Aires. Foto: Elke Rottgardt
Horst Schroth in einer Schule in Buenos Aires. Fotos: Elke Rottgardt

Kaum hat Lehrerin Maria-Elena die „Oscarcito“-Bücher verteilt, hat der kleine Diego (5) seine Nase auch schon tief drin. Er hat es sich auf seinem Stühlchen bequem gemacht und ist schon dabei, das Buch ungeduldig durchzublättern, während Maria-Elena und ihre Kollegin noch den anderen Kindern und deren Müttern das neueste Werk aus der „Oscarcito“-Reihe vorstellen.

Wir waren wieder in Buenos Aires, um uns mit eigenen Augen vom Fortgang des Projekts „Oscarcito“ zu überzeugen. Und so saßen wir dann in einem der kleinen soziokulturellen Zentren in Villa Bajo Flores, einem der riesigen Slums, die so gar nicht zu der schönen und an kulturellen Schätzen so reichen Megastadt zu passen scheinen.  Faszinierend, pulsierend und niemals schlafend, diese Stadt mit 14 Millionen Einwohnern, von denen allerdings nahezu die Hälfte in Slums leben.

Begonnen hatte alles im Jahr 2003. Davor ging es mir genau wie den meisten anderen Deutschen, wenn sie spontan an Argentinien denken. Ich hatte jede Menge Bilder im Kopf: Das schön-morbide Buenos Aires, der wehmütig-erotische Tango, die menschenleeren Pampas, Diego „die Hand Gottes“ Maradona und der mitreißende Fußball der Boca Juniors, Evita Peron, Che Guevara und die leckeren Steaks.

Aber da waren noch die anderen Bilder: Die menschenverachtende Junta der 70er- und 80er-Jahre und ihr Unterdrückungsapparat, der noch bis heute seine Schatten wirft,  der obszöne Gegensatz von arm und reich, Korruption, Vetternwirtschaft, eine absurde Staatsverschuldung und in den Jahren 2001 und 2002 eine Wirtschaftskrise, die bis tief in den Mittelstand hinein ganze Existenzen vernichtet hat.

Horst Schroth in einer Schule in Buenos Aires.
"Bildung ist das einzige wirksame Mittel gegen Armut." Horst Schroth.

Das beschreibt ungefähr meinen Informationsstand, bevor ich dann zum ersten Mal selbst nach Argentinien reiste. Aber da war ich bereits verliebt in Südamerika. Und das verdanke ich meiner Frau, Elke Rottgardt. Die hatte als Kind einige Jahre in Chile gelebt und mir immer wieder von den Menschen und den Schönheiten dieses Kontinents vorgeschwärmt. Sie hat mich angesteckt und als wir dann zusammen durch Lateinamerika reisten, war uns bald klar: Hier haben wir unser Herz verloren, hier wollen wir uns auch sozial engagieren. Wir wußten, wir wollen hier etwas für die Kinder tun – ein Bildungsprojekt sollte es sein, da wir glauben, daß Bildung das einzige wirksame Mittel gegen Armut ist.

Zu dem Zeitpunkt wußten wir noch nichts von der Gruppe von Linguisten der Universität von Buenos Aires, die eine geniale Idee verfolgten. Sie planten, ein Netz von Vorschulen in den Slums dieser Stadt zu errichten. Vorschulen, an denen kleine Kinder noch vor der ersten Grundschulklasse 2 Jahre lang, an 5 Tagen der Woche, jeweils für 4 Stunden Förderunterricht erhalten sollten. Die Problemstellung war klar, die Motivation eindeutig: Hier geht es um Kinder, die ein Leben geprägt von extremer Armut führen, die in elenden Verhältnissen aufwachsen, die zudem kein „richtiges“ Spanisch sprechen, sondern nur ihre Ghettosprache und denen die Lebenswelt der Mittel- und Oberschicht völlig fremd ist. Diese Kinder, und das zeigten alle Erfahrungen,  würden ohne Förderung schon in der Grundschule scheitern, die Schule nach kürzester Zeit abbrechen und somit niemals auch nur den Hauch einer Chance haben, aus ihrem Ghetto des Elends herauszukommen.

Damit auch Slum-Kinder eine gute Ausbildung und somit eine Chance auf eine bessere Zukunft haben - dafür setzt Horst Schroth sich ein.

Diese Linguisten, angeführt von Professor Ana Maria Borzone, waren dabei, ein Lernprogramm für diese Kinder zu erstellen, speziell auf die Bedürfnisse dieser Gruppe zu- geschnitten. Es wurden Lehrbücher für die Kinder entwickelt, lustige Geschichten, deren gezeichneter Protagonist eben jener „Oscarcito“, das kleine Oskarchen, ist. Zudem wurden noch Begleithefte für die Lehrer und auch Begleithefte für die Eltern entwickelt. Und wenn man weiß, daß diese „Oscarcito“-Bücher oft die einzigen Bücher überhaupt sind, die es in so mancher Hütte von Villa Bajo Flores gibt, kann man ermessen, wie wichtig dieses Lernprojekt ist.

So war es mehr als ein glücklicher Zufall, als wir eines Tages von Dr. Celia Rosemberg angesprochen wurden, eine der Entwicklerinnen von „Oscarcito“. Sie hatte von uns gehört, als sie im Sommer 2003 in Deutschland auf  Fund-raising-Tour war. Sie stellte uns das Projekt vor, meine Frau reiste nach Argentinien und kam begeistert zurück.

Und so kam es, daß wir uns nun seit 2004 für „Oscarcito“ engagieren. Wir konnten CARE Deutschland-Luxemburg dafür gewinnen, „Oscarcito“ unter sein Dach zu nehmen, und wir sind stolz darauf, daß sich das Projekt, auch dank der großzügigen Spenden vieler Freunde, zu einem phänomenalen Erfolg entwickelt hat. Mittlerweile nehmen in Buenos Aires 500 Kinder teil und es sieht ganz so aus, als würde die argentinische Regierung dieses Konzept der Vorschulerziehung auch offiziell in die Unterrichts- und Lehrpläne integrieren.

Aber das alles muß den kleinen Diego nicht interessieren, denn der ist immer noch in sein Buch vertieft. Und ich sitze immer noch da, in dem kleinen Vorschul-Klassenzimmer von Villa Bajo Flores, beobachtete den kleinen Kerl und die anderen Kinder, ihre Mütter und die beiden Lehrerinnen und ich bin begeistert davon, wie sehr alle begeistert sind. Hier weiß ich, warum wir das machen. Es ist wichtig. Es ist richtig. Es ist gut.

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