Mädchen lernen in Afghanistan mit großem Enthusiasmus. Das hat auch den CARE-Unterstützer Roger Willemsen während seiner Afghanistanreisen beeindruckt.
Lange Risse winden sich wie Flussläufe entlang der braunen, alten Lehmwand. Sie haben sich tief eingegraben, eisige Kälte und flirrende Hitze haben dabei geholfen, und Jahr für Jahr nehmen sie den dünnen Wänden der Schule ihre Stärke und Standfestigkeit. Der Winterwind Kabuls zieht durch jede Fuge. Das Holzdach und die brüchigen Fensterrahmen können ihm nichts entgegensetzen, ihr Ächzen und Knarren begleitet den Winter wie der Schnee, der auf das Schultor fällt.
Die kleine Schule ist Shirins ganzer Stolz. Sie stand schon, bevor die Mudschaheddin und danach die Taliban das Land am Hindukusch in ihre Kämpfe sogen. Vor sieben Jahren begann in Afghanistan ein zerbrechlicher Frieden – und die 28-Jährige Shirin konnte ihr tristes Flüchtlingsleben in Pakistan beenden und nach Kabul zurückkehren. Heute ist sie Direktorin der kleinen Schule. Sie unterrichtet Mädchen, die die Taliban zu einem Leben ohne Bildung verdammten, zu einem Leben ohne Rechte und ohne Zukunft. Es war ihnen verboten, zur Schule zu gehen und zu arbeiten, die wenigen Quadratmeter ihres Hauses waren die einzige Freiheit. Die Welt sahen sie nur durch das Sichtgitter der Burka, des hellblau leuchtenden Ganzkörperschleiers. „Auch wenn unsere Schule baufällig ist, die Hauptsache ist es, dass wir Frauen wieder lernen und lehren können“, sagt Shirin. CARE hat für die Mädchen ein Lernprogramm entwickelt, in dem sie die verpassten Stunden im Schnelldurchlauf nachholen. „Viele Eltern waren erst skeptisch, ihre Töchter mit jüngeren Kindern in eine Klasse zu schicken. Doch durch das neue Lernprogramm holen die Älteren schnell auf und können bald in höhere Klassen wechseln“, so die junge Direktorin.
Der Autor und TV-Moderator Roger Willemsen hat in Afghanistan Mädchen getroffen, die eifrig und furchtlos zur Schule gehen, wohl wissend, dass die Bildung ihre einzige Chance auf eine bessere und vielleicht auch friedlichere Zeit ist. „Man kann in Afghanistan in eine dieser Schulen kommen, die CARE gebaut hat und unterhält, und findet Klassen voller Mädchen, die morgens um halb sechs losgelaufen sind, um vor der Feldarbeit noch in den Unterricht gehen zu können. Sie wollen ‘alphabetisiert‘ werden, wie sie sagen. Sie wollen Ärztinnen und Lehrerinnen werden, wollen lernen, manchmal sogar studieren, sie wollen am Schicksal ihres Landes teilnehmen und die Zukunft mitgestalten. Ihr einziger Weg in diese Zukunft führt über die Schule“, beobachtet Willemsen.
Mina ist eine dieser Schülerinnen. Mit fünfzehn Jahren hat sie erst drei Schuljahre absolviert. Doch seitdem sie in Shirins Schule geht, hastet das junge Mädchen durch das Schulsystem. Ohne Pause will sie die verlorenen Jahre wettmachen, will mit Matheformeln und Englischvokabeln Kriegserinnerungen und Todesangst verdrängen. Als die Taliban den Frauen die Burka aufdrängten, durfte Mina das Haus nicht verlassen. „Ich musste mich um den Haushalt und meine kranke Mutter kümmern. Mir war so langweilig, ich durfte nichts lernen“, erzählt sie schüchtern. Heute ist Mina Klassenbeste. Bald wird sie zu einer öffentlichen Schule wechseln und sich dort ins reguläre Schulsystem einfügen. Noch schämt sie sich, da sie älter sein wird als ihre Klassenkameraden. Doch ihr Wunsch, Ärztin zu werden, erstickt alle Bedenken. Ihre Eltern unterstützen sie und lockern damit festgezurrte paschtunische Traditionen.
„Viele Eltern zögern immer noch, ihre Töchter ausbilden zu lassen“, sagt Shirin. „Doch dann rede ich mit ihnen und erinnere sie an den Koran. Denn dieser sagt, dass Mädchen und Jungen gleich ausgebildet werden sollen.“ Sind die Eltern noch immer nicht überzeugt, schickt die revolutionäre Direktorin sie zu anderen Eltern, deren Töchter bereits zur Schule gehen. „Wenn sie dann sehen, wie froh die Mädchen und ihre Eltern sind, überzeugt das meistens“, freut sich Shirin.
Doch CARE bringt nicht nur Mädchen wieder auf die Schulspur. Die CARE-Helfer haben in mehreren Provinzen Afghanistans Schulbücher verteilt, Lehrer ausgebildet und Schulbibliotheken ausgestattet. Insgesamt 294 Schulen wurden gebaut oder restauriert – und 26.000 Kinder lernen dort für die Zukunft. Mehr als die Hälfe von ihnen sind Mädchen. „Auch unsere Schule wird demnächst ausgebessert“, sagt Shirin. „Dann wird das Lernen umso schöner!“ Die junge Direktorin strahlt vor Stolz und Freude darüber, dass sie den afghanischen Frauen helfen kann, dass die jungen Mädchen den Kriegsschmerz der letzten Jahre ablegen und zum ersten Mal ihre Träume leben.
Shirin und Mina sind nur zwei Beispiele der mutigen Frauen Afghanistans. Sie sind Bewohnerinnen eines Landes, dessen Zukunft in den Händen der jungen Generation liegt, die wissbegierig und engagiert erste Schritte in einer neuen und noch fragilen Freiheit wagt. Auch Roger Willemsen ist überzeugt:„Wenn wir den Kindern Afghanistans nach einer langjährigen Leidensgeschichte das Grundrecht auf Zukunft einräumen wollen, dann müssen wir das zivile Leben stützen, Bildung ermöglichen, Wege öffnen. CARE tut das auf beeindruckende Weise. Doch auch CARE braucht Hilfe, um helfen zu können. Sie sind gefragt!“
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