"Ein Meer aus Zelten"

Melanie Brooks (Foto: CARE)
Melanie Brooks (Foto: CARE)

Melanie  Brooks arbeitet für CARE International und war im Mai in Sri Lanka, um die Kollegen vor Ort bei der Versorgung von Bürgerkriegsflüchtlingen zu unterstützen.

Melanie, Sie haben einige der Flüchtlingscamps in Sri Lanka während des Bürgerkrieges besucht. Wie kann man sich so ein Camp vorstellen?

Man muss sich zunächst vor Augen führen, dass Zehntausende in Sri Lanka vor dem 25 Jahre andauernden Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den tamilischen Rebellen geflüchtet sind. Fast 290.000 Menschen leben vorübergehend in völlig überfüllten Flüchtlingscamps, deren Kapazitäten vollkommen überstrapaziert sind. Vor allem die medizinischen Einrichtungen sind völlig unzureichend. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und der Regierung bemühen sich, genügend Zelte zu errichten, Latrinen auszuheben, Wasserstationen zu installieren und der Flut der kriegsmüden Flüchtlingsströme immer einen Schritt voraus zu sein.

Die Camps sind wie aus dem Boden gestampfte Städte inmitten des Dschungels, ein Meer von Zelten und anderen Unterkünften. Überall sind Menschen, die Stadt ist ständig in Bewegung, die Menschen schwitzen in der 38 Grad heißen Mittagssonne. Man sieht lange Menschenschlangen, die in der sengenden Hitze anstehen, um ihre Mahlzeiten abzuholen, die von verschiedenen nationalen und internationalen Hilfsorganisationen ausgeteilt werden. Für Frühstück, Mittag- und Abendessen warten sie jeweils eine Stunde. Um Wasser zu bekommen, müssen sie manchmal sogar länger als vier Stunden anstehen. Viele Kinder sind krank, sie haben Windpocken oder andere Hautkrankheiten. Häufig haben sich Infektionen gebildet, weil sie Monate lang kein sauberes Wasser hatten, um sich zu waschen. Es ist dringend nötig, zusätzliche Infrastruktur zu schaffen, damit zumindest die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge gedeckt werden können. Die Krankenhäuser sind vollkommen überfüllt mit verwundeten und kranken Menschen. Man hört im Hintergrund das Rumpeln von Abtragungsgeräten, die das Land roden, damit mehr Platz für zusätzliche Zelte und Straßen geschaffen wird. An der Seite haben die Arbeiter die gefällten Bäume aufgestapelt, um sie danach wieder ins Dorf zu schleppen, wo sie als Feuerholz zum Kochen genutzt werden. Wo das Auge auch hinreicht, reiht sich Zelt an Zelt.

Was würden Sie sagen, sind die größten Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, um das Leben der Flüchtlinge in den Camps zu verbessern?


Die Menschen in den Flüchtlingslagern mussten ihr Hab und Gut zu Hause lassen und sind nur mit dem geflohen, was sie am Körper trugen. Wenn sie in den Camps ankommen, sind sie nahezu ausgetrocknet, hungrig und einfach völlig erschöpft. Als erstes brauchen sie einen Schlafplatz, damit sie sich ausruhen können, sie brauchen Nahrung und sauberes Trinkwasser. Schwierig gestaltet sich vor allem die Errichtung angemessener Sanitäreinrichtungen. Außerdem ist es wichtig, dass wir einen ordentlichen Weg finden, die Essenspakete zu entsorgen, damit sich nicht immer mehr Müll anhäuft.
Langfristig ist es wichtig, dass den Flüchtlingen ermöglicht wird, wieder zu einer gewissen Normalität zurückzufinden.  Vor ihrer Flucht arbeiteten diese Menschen zum Beispiel als Fischer, Farmer oder Unternehmer. Man sieht in ihren Gesichtern, dass sie nichts lieber möchten, als nach Hause zu gehen und ihren Alltag wieder aufzunehmen. Fürs erste ist jedoch wichtig, dass sie eine warme Mahlzeit und einen Platz zum Schlafen bekommen.

Wasser und Sanitäreinrichtungen sind Prioritäten bei der Versorgung von Flüchtlingen (Foto: CARE/Brooks)
Wasser und Sanitäreinrichtungen sind Prioritäten bei der Versorgung von Flüchtlingen (Foto: CARE/Brooks)

Wenn Sie sich mit den Leuten unterhalten, was erzählen sie Ihnen über ihre Erlebnisse während der Flucht?

Um in Sicherheit zu gelangen, sind viele von ihnen durch Lagunen gewatet, in denen das Wasser so hoch war, dass es ihnen bis zum Hals reichte. Sie konnten sich nicht sicher sein, ob sie auf eine Mine oder einen Bombentrichter unter Wasser treten würden. Mit der Unsicherheit, ob ihre Familienmitglieder die Flucht vielleicht nicht überlebt haben, mussten sie durch dorniges Unterholz kriechen und über sandige Ebenen krabbeln. Häufig waren sie in der Kampfzone einige Zeit gefangen, mussten monatelang in dunklen Erdbunkern oder in selbstausgehobenen, matschigen Gruben leben. Sie hatten kaum zu Essen und die Angst vor dem Tod war ihr ständiger Begleiter. Manche der Frauen haben mir erzählt, dass sie während der Flucht ein Kind geboren haben. Insgesamt sind wohl mehr als 3.000 schwangere Frauen auf der Flucht. Verschiedene Quellen geben an, dass fast ein Drittel der Flüchtlinge Kinder sind. Viele Menschen wurden auf der Flucht im Kreuzfeuer verletzt, Granatensplitter haben ihre Körper zerfetzt. Häufig ist nicht mehr viel zu retten, wenn ein Arzt endlich erreicht wird. Das Schlimmste ist wohl, dass viele ihre Verwandten verloren haben oder sie noch vermissen, und dass sie um Ehepartner, Kinder, Mutter, Vater, Bruder oder Schwester trauern.

Was genau macht CARE, um die Situation in den Camps zu verbessern?

Zusammen mit der Regierung, der UN, nationalen und internationalen Hilfsorganisationen versorgt CARE die Flüchtlinge mit Nahrung und Notlieferungen. CARE errichtet Notunterkünfte und hilft dem Flüchtlingskommissariat der UN außerhalb des Kampfgebiets Zelte für 30.000 Menschen aufzustellen. Außerdem baut CARE Latrinen für mehr als 4.000 Menschen, gibt warme Mahlzeiten aus und stellt Bettlaken, Matratzen, Moskitonetze, Kleidung und Küchenutensilien bereit. Ein Flüchtlingscamp kann niemals ein Zuhause für die Menschen werden, aber CARE möchte versuchen, zumindest so viele Unterkünfte bereit zu stellen, dass die Familien ein bisschen Privatsphäre für sich haben, ihre Zelte nicht mit vollkommen Fremden teilen müssen und etwas Normalität in ihr Leben einkehren kann.

Was wird getan, um auf die besonderen Bedürfnisse der weiblichen Flüchtlinge einzugehen?


Wie in den meisten Flüchtlingslagern, in denen ich bisher war, ist auch hier der Großteil der Helfer männlich. Weit weg von ihren Heimatdörfern, ist es für viele Frauen schwierig, in einem der Camps zu arbeiten. Für ausländische Frauen hingegen bedeutet die Sprachbarriere, dass sie immer eine einheimische Übersetzerin für ihre Arbeit benötigen.

Es ist also eher selten, dass Frauen in Flüchtlingslagern arbeiten. Deshalb wurden wir bei unserer Ankunft direkt von Frauen umzingelt, die glücklich waren, ihre Geschichten, Erlebnisse und vor allem ihre Bedürfnisse einer anderen Frau zu berichten. Ihre Anliegen sind sehr grundlegend: Sie brauchen Umstandskleidung für schwangere Frauen, Küchengeräte, Stillhandtücher, Kleidung für ihre Kinder. Wenn man nicht in einem Camp wohnen muss, kann man sich gar nicht vorstellen, welchen Unterschied solche für uns kleinen Dinge fürs Wohlbefinden machen können. Vor allem weil die Frauen sich mit für sie fremden Menschen ein Zelt teilen, ist es viel wert, zum Beispiel mit einem Stillhandtuch ein bisschen Privatsphäre zu bewahren. Ein abgegrenzter Badebereich mit Wasserhähnen ermöglicht es Frauen, unwillkommene Blicke abzuwenden. In einem Camp, in dem Zehntausende Menschen leben, wo nichts privat ist, kann die Bereitstellung von Hygieneartikeln eine große Erleichterung für Frauen sein, ihr Leben im Camp ein wenig normalisieren. Im Kampfgebiet hatten sie Stofffetzen benutzt, die kaum sauber zu halten waren.

 

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