„Es geht doch um Menschen“

Thomas Schwarz in Pakistan (Foto: CARE)
Thomas Schwarz in Pakistan (Foto: CARE)

CARE-Pressesprecher Thomas Schwarz hat schon viele Länder und Projekte besucht. Darunter auch Flüchtlingslager und Gebiete, in denen Binnenflüchtlinge leben. Wir haben ihn gefragt, was ihn bei solchen Reisen am meisten beeindruckt.

Thomas Schwarz: Das sind zweifellos die Menschen, mit denen ich spreche und die mir begegnen. Sie haben so eine unglaubliche Stärke, obwohl sie sich in oft aussichtslosen Situationen befinden. Schließlich haben sie ja ihre Heimat, ihr Dorf und zum Teil auch Familie und Freunde verlassen müssen. Wir sprechen manchmal so leicht über Flüchtlinge oder benutzen das Wort „einfach so“.

Wie meinen Sie das?

Nun, ich glaube, dass nur noch die Alten wissen, was das wirklich bedeutet. Ich nenne Ihnen einmal ganz persönlich die Generation meiner Eltern. Wenn sie vom Krieg erzählen, den sie im Alter von 15, 16 Jahren erlebt haben, dann ist da auch von Flucht und Evakuierung die Rede. Die Stadt Koblenz beispielsweise war sehr stark zerbombt, und unsere Mutter musste mit ihren Geschwistern nach Thüringen gehen. Dort war es einigermaßen sicher. Deren Mutter wiederum war alleine mit den Kindern, weil der Mann im Krieg war. Als sie wieder zu Hause waren, fanden sie ihre Wohnung völlig zerstört. Das habe ich auch immer im Kopf, wenn ich mit Flüchtlingen, zum Beispiel in Afrika, spreche. Da gibt es ja auch junge Leute unter den Flüchtlingen oder Vertriebenen, die noch nicht mal 18 sind.

Aber denen geht’s doch schlechter als der Kriegsgeneration damals, oder?


Das kann man vermutlich nicht sagen. Ich habe ja selbst die Zeit nicht erlebt. Aber wenn Sie sich vorstellen, dass es inzwischen bestimmte Standards gibt, nach denen Flüchtlinge versorgt werden müssen – das gab es in den 1940er Jahren noch nicht. Das bedeutet ja keinesfalls, dass die Menschen heute im Luxus leben; das kann man nun wirklich nicht sagen. Aber die Weltgesundheitsorganisation WHO hat beispielsweise eindeutig festgelegt, wie viel Wasser und welche Ernährung für Kinder, Alte, für Schwangere oder Männer erforderlich sind.

Und das wird alles umgesetzt?


Das wird dann umgesetzt, wenn es genügend Geld für Flüchtlinge gibt.

Und das ist ja nun gerade in Pakistan nicht gerade der Fall.

Genau das ist das Problem, über das wir ja auch am Weltflüchtlingstag besonders sprechen müssen. Es nutzen ja die besten Papiere nicht, wenn das Geld nicht zur Verfügung gestellt wird. Jetzt, während wir gerade miteinander sprechen, weisen Hilfsorganisationen in Pakistan darauf hin, dass das Geld ausgeht – und damit auch die Möglichkeit zur Hilfe. Das darf nicht geschehen. Wir haben als wohlhabende Nationen die Pflicht, Menschen zu helfen, wo immer sie in Not geraten.

Lächeln, auch in der Not (Foto: CARE/Schwarz)
Lächeln, auch in der Not (Foto: CARE/Schwarz)

Andererseits hört man immer wieder, dass Länder wie Pakistan sich doch auch selbst helfen müssten. Schließlich hätte ja das Militär dort durch seine Aktionen in Swat und Buner diese Situation ja auch beschworen.

Dieser Meinung kann man natürlich sein. Aber das ist keine Frage, die sich Organisationen wie CARE stellen. Es geht doch um Menschen, die Opfer geworden sind. Es geht nicht um „ein Land“ oder „einen Krieg“ oder irgendetwas Abstraktes. Es geht sehr konkret um all diejenigen, denen ich bei meiner Reise vor einigen Wochen begegnet bin. Und um Millionen andere, das sind ja dort erschreckende Zahlen, mit denen wir zu tun haben.

Von drei Millionen Flüchtlingen in Pakistan ist zu lesen, manchmal auch von 2,3 oder 2,7 Millionen. Das sind in der Tat sehr viele. Aber woher kommen diese unterschiedlichen Zahlen überhaupt?

Das ist der Situation geschuldet. Es ist ausgeschlossen, innerhalb so kurzer Zeit ausreichend Lager aufbauen und logistisch betreuen zu können. So sind viele der Vertriebenen zu Freunden oder Familienangehörigen geflohen. Oder in öffentliche Gebäude wie Schulen. Bis alle „erfasst“ sind, dauert es sehr lange. Denn nur wer korrekt in Listen steht und in einem Lager lebt, kann darauf bestehen, ausreichend versorgt zu werden. Dennoch hilft ja CARE mit Partnern auch vor einer offiziellen Registrierung.

CARE arbeitet dort mit Partnern. Welche sind das denn?

Ja, das ist unser Prinzip dort. Wir arbeiten zum Beispiel mit der Hilfsorganisation Islamic Relief zusammen, die die Hilfsgüter, die wir organisieren, vor Ort verteilen. Islamic Relief gibt es ja auch in Deutschland. Und auch in Pakistan haben sie einen hervorragenden Ruf. So ist es sinnvoll, dass wir dort nicht alles alleine machen.

Jetzt erleben wir ja wieder, dass ein Tag wie der Weltflüchtlingstag in vielen Medien thematisiert wird und dass über die Lage von Flüchtlingen viel geschrieben und gezeigt  wird. Dennoch reicht es nicht aus, einmal im Jahr auf dieses Problem aufmerksam zu machen, oder?

Richtig, aber trotzdem ist es gut, dass es solche Tage gibt. Denn gerade anlässlich dieser Welttage beschäftigen sich ja nicht nur die Medien mit solchen Fragen, sondern auch Politiker und Wissenschaftler. Wir von CARE natürlich besonders, was die Öffentlichkeitsarbeit angeht. Aber eben auch viele  Schüler und Aktionskreise reden und informieren darüber. Das ist grundsätzlich etwas Positives. Denn nur wenn die Bürger hier informiert sind, werden sie auch bereit sein, zu helfen. Wir bei CARE erleben ja gerade, dass unsere Spender die Nöte der betroffenen Opfer in Pakistan sehr ernst nehmen. Wir haben alleine dafür in den letzten Wochen mehr als 50.000 Euro privater Spenden bekommen. Wenn dieses Summe natürlich auch bei weitem nicht ausreicht, allen zu helfen: Es ist dennoch ein  Zeichen, das Hoffnung macht. Und die Pakistaner nehmen sehr wohl zur Kenntnis, dass bei uns Menschen leben, denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Auch das kann Flüchtlingen und Vertriebenen helfen, weil sie sehen, dass sie nicht alleine gelassen werden.

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