von Anika Rabbani
Als sie die Warnungen vor dem Wirbelsturm in der lokalen Moschee hörte, war Kohinoor im siebten Monat schwanger. Sie und ihre Familie leben in Hatiya, einem kleinen Dorf in der Region von Karringchar Union. Naturkatastrophen sind dort nicht selten, die Bewohner müssen ständig um ihre Existenz bangen. Am 25. Mai 2009, als Wirbelsturm Aila auf den Küstenstreifen traf, wurden jedoch alle vorherigen Katastrophen übertroffen: Die Dämme durchbrachen, die Ernte wurde zerstört und Häuser aus ihren Fundamenten gerissen.
Kohinoors Mann war zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause, er arbeitete einige Kilometer entfernt. Seine Frau war mit den beiden Kindern alleine, als eine lokale Hilfsorganisation anrief und warnte, dass sich eine Flut von zwei Metern auf ihr Dorf zubewegt. Hochschwanger war es ihr unmöglich, schnell zu entkommen. Schließlich drang das Wasser jedoch auch in ihr Haus und ihr blieb nichts anderes übrig, als mit ihren beiden Kindern zu flüchten.
Das Boot schaukelte so sehr, dass Kohinoors Tochter aus dem Boot fiel und ertrank
Zusammen mit ihren Nachbarn erreichte Kohinoor das Ufer des Flusses. Inmitten der ganzen Panik, dem Chaos und der Drängelei auf dem Boot gingen ein paar Menschen von Bord. Die großen Wellen, die durch den Wirbelsturm ausgelöst wurden, drohten das Boot völlig zu kentern. Kohinoor wurde bewusstlos und ihre siebenjährige Tochter glitt ihr aus den Händen. Das kleine Mädchen fiel ins Wasser – vermutlich ist sie ertrunken.
Schwanger, verletzt und mit einem gebrochenen Herzen hatte Kohinoor sechs Stunden nach Beginn ihrer Flucht eine Fehlgeburt. Da es nirgendwo Medikamente für sie gab, erlitt sie die ganze Nacht schwere Blutungen. Wenigstens kümmerten sich die Leute aus dem Dorf um sie und gaben ihr und ihrem Sohn zu essen.

Erst am nächsten Morgen bekommt Kohinoor medizinische Hilfe
Als SSUS, eine Partnerorganisation von CARE, von Kohinoors Schicksal erfuhr, versuchten sie, die junge Frau ins Krankenhaus zu bringen. Die Straßen waren jedoch überall unpassierbar, es war schwierig, eine Transportmöglichkeit zu finden. Am nächsten Morgen konnten Mitarbeiter von SSUS Kohinoor endlich in ein 20 Kilometer entferntes Krankenhaus fahren. Die Ärzte gaben ihr Schmerzmittel und versuchten, ihre Blutungen zu stoppen. Heute wohnt Kohinoor zusammen mit ihrer Familie bei Nachbarn. CARE-Mitarbeiter konnten ihr 500 BDT (ca. 5 Euro) geben, damit sie sich das Notwendigste kaufen kann. Auch die Regierung in Bangladesch hat sie finanziell unterstützt.
180 Menschen kamen durch den Wirbelsturm Aila ums Leben
Kohinoor ist nur eine von Millionen: Insgesamt fünf Millionen Menschen im südlichen Bangladesch sind vom Wirbelsturm Aila betroffen. Mehr als 600.000 Häuser wurden zerstört und Tausende von Menschen verletzt. Eine Woche nach dem Desaster brauchen die Menschen dringend Trinkwasser, Essen und Medikamente. Mittelfristig müssen sie ihre Häuser wieder aufbauen und ihre Felder bestellen. CARE hat sofort reagiert und Essen und Trinkwasser an die Menschen ausgeteilt, die aus ihren Dörfern flüchten mussten.
Aufgrund der frühzeitigen Warnungen und schnellen Evakuierungsmaßnahmen ist die Zahl der Toten relativ niedrig. Die Stärke des Wirbelsturms und der Schaden, den er hinterlassen hat, hätte ohne Vorwarnungen Zehntausenden Menschen das Leben kosten können. Für Kohinoor macht das jedoch keinen Unterschied: „Ich habe fast alles verloren, was mir wichtig ist im Leben. Es wäre für mich besser gewesen, wenn ich auch gestorben wäre.“