Ralf Südhoff leitet das Berliner Büro des UN World Food Programme (WFP). Zuvor war er unter anderem für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) tätig.
1.) Das World Food Programme arbeitet seit 47 Jahren im Kampf gegen den Hunger. Wie hat sich die Nahrungshilfe seit 1962 verändert?
Gerade in den letzten Jahren hat sich die Arbeit des WFP dramatisch verändert: Die Gründungsidee von WFP war, die Überschussproduktion des Nordens in den Ländern des Südens an Menschen in Not zu verteilen. Heute ist die Ära der Nahrungs-Überschüsse lange vorbei, vor allem durch die boomende Nachfrage in Asien, das Bevölkerungswachstum und Biotreibstoffe.
Darum nutzen wir heute im Verständnis moderner Ernährungshilfe neben der Verteilung von Hilfsgütern an Bedürftige auch Instrumente wie „Cash and Voucher“-Programme, bei denen Bedürftige Mittel erhalten, um sich selbst Nahrungsmittel zu kaufen, oder „Purchase 4 Progress“, mit dessen Hilfe wir benötigte Nahrungsmittel lokal bei Kleinbauern einkaufen und so zur Entwicklung der Märkte beitragen. Darüber hinaus investieren wir insgesamt 80 Prozent unserer Zuwendungen in den Ankauf von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern.
2.) Die Zahl der Hungernden weltweit ist in diesem Jahr zum ersten Mal über die Milliardenmarke gestiegen. Ist eine Welt ohne Hunger eine Utopie?
Eine Welt ohne Hunger ist keine Utopie - wir haben alle Mittel zur Beendigung des Hungers in der Hand. Auch wenn die Zahl der Hungernden 2009 über eine Milliarde liegen wird, so darf man auch die Erfolge im Kampf gegen den Hunger nicht klein reden: Mehr als jeder dritte Mensch auf der Erde litt 1970 noch Hunger. Seitdem ist die Weltbevölkerung gerade in den ärmsten Ländern weiter stark gewachsen und hat sich insgesamt verdoppelt - und trotzdem ist es gelungen, dass heute nicht mehr jeder dritte, sondern noch jeder sechste Mensch im Süden Hunger leidet. Wir brauchen deshalb eine neue, nachhaltige Agrarrevolution, vor allem in Afrika. Dabei können die höheren Preise für Nahrungsmittel sogar helfen.
3.) Viele afrikanische Länder wie Äthiopien oder der Niger sind regelmäßig in den Schlagzeilen, weil die Menschen dort hungern. Gibt es denn gar keine Erfolgsgeschichten vom afrikanischen Kontinent?
Doch, auch vom afrikanischen Kontinent gibt es Erfolgsgeschichten, die es nur selten in die Schlagzeilen schaffen. So konnte etwa die Rate unterernährter Kinder in Mauretanien binnen zehn Jahren von 48 Prozent auf 32 Prozent gesenkt werden; in Nigeria von 39 Prozent auf 29 Prozent. Ebenso erfolgreich waren viele andere Felder der Entwicklungspolitik, die teils auch mit Ernährungsfragen zusammenhängen: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in den Entwicklungsländern liegt heute bei etwa 66 Jahren und damit rund zwanzig Jahre über dem Stand des Jahres 1960 - ein untrüglicher Indikator für Fortschritte auf den Feldern der Gesundheit, der Bildung und der Ernährung.
4.) Was bedeutet Food for Work und wann wird es eingesetzt?
„Food for Work“ kann in vielen verschiedenen Situationen eingesetzt werden, wenn es darum geht, Menschen mit Nahrungsmitteln dabei zu unterstützen, in ihre eigene Entwicklung investieren zu können. So verteilt WFP etwa Nahrungsmittel, wenn Bauern in Mosambik Bewässerungsgräben ausheben oder Brunnen bauen, und sich kurzfristig nicht auch um die Ernährung ihrer Familie kümmern können. Ähnlich ist der Fall zum Beispiel bei Bauern im Südsudan, die durch WFP’s „Food for work“-Ansatz in der Lage sind, eine Strasse zu bauen und sich so an die Märkte der Region anbinden können – was ihnen mittelfristig die Chance gibt, sich selbst zu versorgen.
5.) Derzeit spricht alle Welt vom Klimawandel und den kommenden Verhandlungen in Kopenhagen. Welche Auswirkungen hat die Veränderung des Klimas auf die Nahrungssicherheit in Entwicklungsländern?
In den 1980er Jahren erlitten die Staaten der Erde im Schnitt etwa 125 Naturkatastrophen pro Jahr. Mittlerweile ereignen sich nach Angaben der US-Regierungsbehörde Office of Foreign Disaster Assistance zwischen 400 und 500 Naturkatastrophen jährlich. 80 Prozent der Hilfe des WFP muss heute für Nothilfe und Wiederaufbaumaßnahmen verwandt werden, vielfach in Einsätzen nach Naturkatastrophen; nur noch 20 Prozent gehen in die klassische Entwicklungshilfe. In den 1980er Jahren war das Verhältnis noch genau umgekehrt. Die Auswirkungen extremer Wetterphänomene sind für die Agrarwirtschaft vielfach verheerend. Die Dürre in Australien, sonst einer der größten Weizenexporteure, in den Jahren 2007/2008 hatte einen großen Anteil am stark gestiegenen Weizenpreis auf den Weltmärkten. Zudem wirken sich in vielen Ländern auch scheinbar weniger spektakuläre Wetterveränderungen aus: Millionen von Kleinbauern leiden, weil die Trockenzeiten immer länger andauern, der Regen ausbleibt oder, wenn er kommt, in Sturzbächen niedergeht. Auch deshalb sind die langfristigen Prognosen gerade für die Agrarwirtschaft vieler afrikanischer Länder dramatisch, wenn der Klimawandel nicht deutlich gebremst werden kann.