Viele Menschen versammeln sich um eine selbstgebaute Krankenbahre. Sie wird mit knallgelben, roten, blauen und grünen Tüchern zusammengehalten. Vier Männer tragen die Bahre. Darüber hängt ein großer bunter Golfregenschirm, der vor der starken Sonne schützen soll. Die fröhlich stimmenden Farben und das wunderschöne und warme Wetter stehen im starken Kontrast zu den Schreien, die von der Bahre kommen. „Wo gehen wir hin? Was werden wir machen?“, fragt einer der Träger der Bahre. Die Menschen um ihn herum brüllen ihm Anweisungen zu.
Unter dem Regenschirm liegt eine 18-jährige Frau, die seit drei Tagen in den Wehen liegt. Es ist ihre erste Schwangerschaft. Die Menschen um sie herum diskutieren ihr Schicksal. Sie bleibt dabei ganz still.
In der vorangegangenen Nacht hatte ein CARE-Mitarbeiter die Familie der Frau davon überzeugt, ihre Tochter zu einer Krankenstation zu bringen. Als der Tag anbricht, machen sie sich auf einem zweistündigen Fußweg. Ein Krankenpfleger der Einrichtung untersucht die Frau in einem abgedunkelten, kargen Raum. Sein Fazit ist ernüchternd: Hier in der Station könne er ihr nicht helfen, sie müsse dringend zu einem Arzt.
Die Gruppe besteht aus Nachbarn und Familie und berät, wie weiter vorzugehen ist. Erneut greift der CARE Mitarbeiter ein. Die junge Frau soll zur Hauptstraße gebracht werden. Noch einmal zwei Stunden Fußmarsch über Stock und Stein zu einem Ort namens Grawa. Glücklicherweise haben der Ehemann der Frau und ihr Vater es geschafft, ein Auto zu mieten. So können sie es ins Krankenhaus nach Hara schaffen. Der Arzt dort rettet die junge Frau und ihr Baby mit einem Kaiserschnitt. Sie hatte Glück: Die meisten Frauen, die in dieser isolierten Gegend leben, hätten es nicht einmal bis zur Landstraße geschafft.
Dieses Szenario ist leider kein Einzelfall in Äthiopien, wo es für Mädchen üblich ist, sich mit 13 oder 14 Jahren zu vermählen, und kurz darauf Kinder zu bekommen. Viele Mädchen sterben oder verlieren ihre Kinder. Bildung ist der Schlüssel, um aus diesem Kreislauf zu entkommen. Deshalb informiert CARE die Gemeinden über die Risiken von früher Geburt und die Alternativen: Familienplanung, Schwangerschaften zu einem späteren Zeitpunkt und damit gesunde Mütter und Kinder. Aber der Wandel wird nicht einfach von außen gefordert. Die äthiopischen CARE-Mitarbeiter kennen die Gemeinden und die lokalen Gegebenheiten bestens. Sie reisen von Dorf zu Dorf, informieren über Gesundheit und engagieren lokale Freiwillige, die wiederum die Botschaft weitertragen.
An diesem Tag ragte der bunte Regenschirm in den Himmel. Wie ein Symbol dafür, dass äthiopische Frauen in ländlichen Gebieten noch viel mehr Schutz brauchen, als lediglich vor Regen und Sonne.