Prof. em. Dr. Wolfgang Künzel (Frauenklinik der Universität Giessen) über die Gefahren für Schwangere in Entwicklungsländern und Erfolgsgeschichten von Müttern.
1.) Schwangerschaft bedeutet in vielen Ländern der Welt ein hohes gesundheitliches Risiko für die werdende Mutter. Was erwartet eine Frau in einem Entwicklungsland, wenn sie schwanger wird?
Der Begriff der „Erwartung“ ist zweideutig. Im positiven Sinn erwartet natürlich eine schwangere Frau eine normale Schwangerschaft ohne Komplikationen und eine normale Geburt ihres Kindes. In der Realität ist jedoch Schwangerschaft und Geburt südlich der Sahara mit einer hohen Sterblichkeit der Mütter und ihrer Kinder belastet. Es werden in den Krankenhäusern im Norden Nigerias etwa 500 bis 1500 mütterliche Todesfälle pro 100 000 Geburten registriert. Gefahren lauern durch erhöhten Blutdruck (Eklampsie), Blutarmut (Anämie), Blutungen nach der Geburt, verlängerte Geburtsverläufe und Fistelbildung zwischen Blase und Scheide oder Darm und Scheide, sowie Gebärmutterrisse und Infektionen.
2.) Wer öfter schwanger wird, trägt auch ein höheres Risiko bei der Geburt. Warum verhüten Frauen in armen Ländern nicht einfach, um weniger Kinder zu bekommen und gesund zu bleiben?
Häufigere Schwangerschaften sind nicht generell mit einem höheren Risiko belastet, sondern es betrifft in der Regel die ältere Frau, und das ist die Mehrgebärende. Sie hat unter anderem durch Bluthochdruck und Diabetes auch in Europa ein höheres Risiko. Frauen in ärmeren Ländern möchten sicher gern verhüten, zumindest die Kinder nicht in rascher Reihenfolge bekommen, sondern den Abstand zwischen den einzelnen Schwangerschaften verlängern, also sogenanntes Child spacing betreiben. Vielfach stehen aber diesen Frauen die gewünschten Kontrazeptiva (Verhütungsmittel) nicht zur Verfügung. Es ist also dringend notwendig, die Verhütungsrate durch Bereitstellung von Verhütungsmitteln zu erhöhen.
3.) Das 5. Millenniumsentwicklungsziel will die Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel senken. Sind wir auf einem guten Weg?
Es wird zurzeit viel getan, um das MDG5 bis 2015 zu erreichen, ich habe allerdings Zweifel, ob dies gelingt. Es ist nicht damit getan, ein Ziel zu definieren, sondern es ist notwendig, in den Köpfen der Menschen durch Aufklärung und Überzeugung auch die Voraussetzung dafür zu schaffen. Die Qualitätssicherung der geburtshilflichen Versorgung ist dabei eine wesentliche Voraussetzung, also die Verbesserung der Struktur der Krankenhäuser durch Bereitstellung von Geräten zur Diagnose (Ultraschall) und zur Therapie (Ausrüstung der Kreißsäle und Operationseinheiten), sowie die Ausbildung von Ärzten, Hebammen und Schwestern, um die Versorgungsprozesse zu optimieren. In den genannten Krankenhäusern konnten wir somit die mütterliche Mortalität von 1.790 mütterlichen Todesfällen pro 100.000 Geburten (1. Halbjahr 2008) auf 940 pro 100.000 Geburten im 2. Halbjahr 2009 senken. Das ist ein beachtlicher Erfolg, von dem ich hoffe, dass er anhält und sich weiter verbessert. Nur mit der nachhaltigen Verbesserung des Gesundheitssystems in den Ländern in Afrika lässt sich dieses Ziel erreichen.
4.) Das Fachmagazin The Lancet hat kürzlich eine Studie publiziert, die große Erfolge im Kampf gegen Müttersterblichkeit nachweist. Vor allem Ägypten, China, Ecuador und Bolivien haben große Erfolge erzielt. Was machen diese Länder richtig?
Diese Länder haben die Senkung der mütterlichen Mortalität nur erreichen können, indem sie mit der genauen Erfassung der mütterlichen Sterblichkeit auch wesentliche Verbesserungen des Gesundheitssystems vorgenommen haben: Freier kostenloser Zugang zu Schwangerschaftsvorsorge und Entbindung, Verbesserung der Struktur der Krankenhäuser, Ausbildung von Ärzten und Hebammen. Die Autoren des Artikels im Lancet konnten jedoch die wirklichen Ursachen für die Senkung der mütterlichen Sterblichkeit nicht exakt benennen.
5.) Sie waren selbst erst kürzlich in Nigeria. Haben Sie dort Erfolge für die Gesundheit von Müttern erlebt?
Das lässt sich mit wenigen Worten sagen: Nigeria ist bemüht, durch zahlreiche Maßnahmen die mütterliche Mortalität zu senken. Eine wesentliche Maßnahme der letzten Jahre ist der kostenfreie Zugang zu Schwangerschaftskontrolle und Geburt. Ich habe die Maßnahmen beobachten können. Durch Analyse der Struktur der Krankenhäuser, Feststellung der Defizite und Beseitigung derselben, monatliche Datensammlung und Analyse, Vergleich der Daten, mit denen anderer Krankenhäuser im Sinne eines Benchmarking, regelmäßiger Besuch der Krankenhäuser und Diskussion der Daten, sowie durch regelmäßige halbjährliche Konferenzen haben wir einen Rückgang der Müttersterblichkeit nachweisen können.
6.) Eine letzte Frage: Ist die Gesundheit von Vätern nicht genauso wichtig?
In einer normalen Familienstruktur hat jedes Mitglied dieser Familie eine definierte Aufgabe, so auch der Mann und Vater. Deshalb ist es ebenso wichtig, dass auch der Vater gesund und leistungsfähig ist, um zu einer gesunden Ernährung der Familie beizutragen.