Haiti: Ein Ort, um offen zu reden

Frauen bei der Versammlung in Léogâne (Foto: CARE/Larrass)
Frauen bei der Versammlung in Léogâne (Foto: CARE/Larrass)

Von Anne Larrass und Mildrède Béliard, CARE Haiti

35 Frauen und zehn Männer haben sich unter den großen Mangobäumen versammelt. Sie sitzen auf Holzstühlen und sprechen über die Eröffnung des ersten von insgesamt 15 Frauenzentren in Léogâne. Die Stadt im Westen von Port-au-Prince liegt nahe am Epizentrum des Erdbebens vom 12. Januar. Hier sind über 80 Prozent der Gebäude zerstört.

„Es ist es eine traurige Realität in Haiti, dass Frauen benachteiligt werden“, sagt Dr. Franck Geneus, der Leiter des CARE-Gesundheitsprogramms. „Wenn wir uns jetzt nicht auf die Frauen konzentrieren und ihre Bedürfnisse berücksichtigen, dann werden sie wieder ausgegrenzt.“

 

Ansprechpartner für alle Fälle

Die Frauen tragen bunte Kleider, Make-Up und Ohrringe, die Männer gebügelte Hemden. Drei Mitarbeiter von CARE erklären die Dienste, die Frauen und Mädchen in dem Zentrum angeboten werden. Dazu gehört Information über Sexualität im Allgemeinen, sexuell übertragbare Krankheiten und Familienplanung. Das Zentrum ist aber auch Ansprechpartner, um Frauen an medizinische Einrichtungen zu verweisen, wenn sie professionelle Hilfe benötigen.

Auch die Männer sind gefragt! Ein Vater hält seinen Sohn im Arm (Foto: CARE/Perera)
Auch die Männer sind gefragt! Ein Vater hält seinen Sohn im Arm (Foto: CARE/Perera)

Darüber hinaus gibt es Geburtspakete, eine Grundausstattung für Neugeborene, Verhütungsmittel und Erste Hilfe bei kleineren Verletzungen.
“Wir haben lange darauf gewartet, so ein Zentrum zu errichten”, sagt Carline Morney, eine Hebamme, die für CARE arbeitet. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir der Bevölkerung hier helfen können, ein gesundes Sexualleben zu führen. In diesem Land gibt es zu viele Tabus, und das muss sich ändern.“

CARE plant, insgesamt 15 solcher Frauenzentren in Léogâne und weitere fünf in Carrefour einzurichten. Beide Städte sind schwer vom Erdbeben betroffen, weshalb CARE den Schwerpunkt seiner Arbeit auf diese Orte legt. Gemeindemitglieder wurden aufgefordert, Land und gegebenenfalls auch Räumlichkeiten für die Frauenzentren bereitzustellen. Das hat einen guten Grund: Denn wenn die Zentren in der Hand der Gemeinde liegen, garantiert das Offenheit, Beteiligung und vor allem die Langlebigkeit dieser Einrichtungen.

Perpetuelle hält das Frauenzentrum für eine gute Idee (Foto: CARE/Larrass)
Perpetuelle hält das Frauenzentrum für eine gute Idee (Foto: CARE/Larrass)

Dies ist auch unser Land!

“Wenn wir es schaffen, dieses Zentrum zu eröffnen, dann kann die Gemeinde wirklich davon profitieren”, erklärt die 40-jährige Perpétuelle, die gerade einen Jura-Abschluss gemacht hat. „Es gibt kaum Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in Haiti. Die Männer treffen die Entscheidungen und die Frauen akzeptieren das einfach. Aber das Frauenzentrum gibt uns einen Ort, an dem wir offen sprechen und uns austauschen können. Diese Freiheit hat langfristig natürlich auch positive Auswirkungen auf unsere Familien.“
“Aber werden so nicht die Männer diskriminiert?“ Diese Frage stellen zwei der anwesenden Herren. „Was haben wir denn davon?” Nach dieser unerwarteten Frage ist es einen Moment lang still, bis sich eine Frau zu Wort meldet. „Eure Frauen werden zufriedener und selbstständiger sein!” Die Anwesenden kichern. “Für Frauen gibt es keine Orte zum Kartenspielen und trinken”, fügt Elie hinzu. Er ist ein sehr angesehener Voodoo-Priester. „Deshalb brauchen wir solch ein Zentrum. Unsere Aufgabe sollte es sein, dafür zu sorgen, dass diese Frauen vor gewalttätigen Ehemännern geschützt werden, und vor Angriffen auf dem Weg ins Zentrum.“

Ihrem Namen zum Trotz bieten die Frauenzentren auch Informationen für Männer, beispielsweise über Familienplanung, Sexualität und den Umgang mit Frauen. Sie werden auch aufgefordert, bei der Planung von Aktivitäten für Familien und Kinder mitzumachen und ihre Ideen einzubringen. Bevor die Runde unter den Mangobäumen auseinander geht, wird noch besprochen, an welchem Ort das Zentrum errichtet wird. Bei einem weiteren Treffen werden dann Freiwillige gewählt, die die Organisation der Eröffnung übernehmen.

„Ich bin mir sicher, dass das der Gemeinde wirklich nützt“, sagt Carline am Ende der Sitzung. „Ich möchte diesen Frauen helfen, und mit einem solchen Zentrum ist das Schritt für Schritt möglich.“

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