Cornelia Funke ist zur Zeit die erfolgreichste deutschsprachige Kinder- und Jugendbuchautorin. Über das Illustrieren von Kinderbüchern kam die 48-Jährige selbst zum Schreiben und feiert mit Büchern wie „Herr der Diebe“, „Die wilden Hühner“ und der Tintenwelt-Trilogie mittlerweile grandiose internationale Erfolge.
Im Jahr 2005, als das Time Magazine sie zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt wählte, zog Cornelia Funke von Hamburg nach Los Angeles, wo derzeit ihr Roman „Tintenherz“ verfilmt wird.
Von Christine Pendl

CARE: Sie haben einen ganz besonderen Zugang zu Kindern ...
Funke: Ich weiß nicht, ob der so besonders ist? Ich kann nur sagen, dass ich die Gesellschaft von Kindern sehr genieße, weil sie es meist nicht für nötig halten, Masken zu tragen und es ihnen vollkommen egal ist, welche Preise ich gewonnen habe und in welcher Zeitung gerade etwas über mich stand. Zum Glück gibt es aber, wie ich immer mehr feststelle, auch sehr, sehr viele Erwachsene, in deren erwachsener Haut noch sehr viel Kind steckt.
CARE: Wie unterscheiden sich Kinder und Erwachsene?
Funke: Ich glaube, dass Kinder nicht grundsätzlich besser oder interessanter als Erwachsene sind. Es gibt grässliche Kinder und grässliche Erwachsene. Aber ich stelle bei Kindern immer wieder fest, dass sie die Welt noch mit sehr eigenen Augen sehen, dass sie leichter berührt, was daran nicht stimmt und diese Wahrheit dann auch beim Namen nennen. Wir arrangieren uns mit dem, was nicht stimmt, je älter wir werden, akzeptieren Regeln und Werte, die wir als Kinder noch in Frage gestellt haben.
CARE: Werden Kinder in unserer Gesellschaft generell unterschätzt?
Funke: O ja. Ich musste mir schon von Journalisten anhören, dass Tintenherz als Buch zu schön für Kinder ist, dass sie die Zitate nicht verstehen werden, kurz – Perlen vor die Säue! Unsere Kinder sind der größte Schatz, der sich im Leben finden lässt, sie bringen soviel Glück in den Alltag, aber eben dieser Alltag macht viele Erwachsene dafür blind. Kinder stehlen viel Zeit. Dass niemand sie mit besseren Zinsen zurückzahlt, sehen erschreckend wenige.
CARE: In der Tintenwelt wird die Grenze zwischen Fiktion und Realität gesprengt. Glauben Kinder noch stärker an ihre Phantasien?
Funke: Den Kindern ist dieser Gedanke zumindest sehr viel selbstverständlicher, aber ich glaube, dass auch wir Erwachsenen nur sehr wenig Zeit in der angeblich so objektiven Realität verbringen. Wir alle beschäftigen uns doch den Großteil des Tages mit Wunschträumen, Angstträumen und der ständigen Interpretation dessen, was uns umgibt, mit dem Werkzeug unserer Vorstellungskraft.
CARE: Fans Ihrer Bücher warten gespannt auf die Verfilmung von Tintenherz. Wird durch den Film nicht die eigene Phantasie zunichte gemacht?
Funke: Ein Film ist doch nur eine Interpretation einer Geschichte. Es gibt immer auch die andere im eigenen Kopf, und wenn sie stark genug ist, wird sie die zwei Stunden im Kinosessel doch wohl überleben. Das Buch hatte viel länger Zeit, sich im Herzen einzunisten. Ich fand die Erfahrung, mit vielen wunderbaren Künstlern an der Verfilmung meiner Geschichte zu arbeiten, sehr bereichernd und unvergesslich.
CARE: Was können Bücher Kindern für Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen?
Funke: Zu allererst sollen sie Spaß machen! Wenn unsere Kinder glauben, dass wir sie nur aus Erziehungsgründen zum Lesen bringen wollen, werden sie kein Buch mehr anfassen. Wir würden es auch nicht! Natürlich können Bücher uns lehren zu begreifen, wie vielfältig und groß unsere Welt ist, sie können uns lehren, durch die Augen anderer alles ganz anders zu sehen, aber das sollte ganz von selbst und sehr unauffällig geschehen.
CARE: Bücher sind für die meisten Kinder aus Entwicklungsländern unerschwinglich.
Funke: Ich wünsche mir oft, ich könnte ein paar wandernde Geschichtenerzähler anheuern, die meine Geschichten auf die alte Weise erzählen – indem sie von Dorf zu Dorf damit ziehen.
CARE: Wie kommt es, dass nur wenigen Menschen bekannt ist, dass Kinder politische, soziale, ökonomische, kulturelle und bürgerliche Rechte besitzen?
Funke: Aber so ist es doch mit allen, die in unserer Welt kleiner oder schwächer sind, oder? Es lag schon immer an denen, die stärker sind, aus was immer für Gründen, die zu schützen, die es nicht sind. Wir alle haben nur Rechte, solange wir sie einfordern können oder von anderen garantiert bekommen, also werden Kinder ihre Rechte nur haben, solange Erwachsene sie für kostbar und schützenswert halten – was leider nicht alle tun.
CARE: Sie leben in Los Angeles. Wie empfinden Sie das Leben dort, die sozialen Differenzen?
Funke: Ich liebe es, hier zu leben. Das Leben hier ist beunruhigender, die Kontraste sind härter, aber das Lebensgefühl der Menschen ist soviel positiver, die Menschen begegnen sich sehr viel leichter auf gleicher Augenhöhe, unabhängig von Beruf oder Stand, und die Lebenslust ist in LA auf sehr südländische Weise fühlbar. Hinzu kommt, dass die Amerikaner versuchen, auch Fremden mit Freundlichkeit und Offenheit zu begegnen und ich liebe diese kurzen Begegnungen in Restaurants und Supermärkten, das Lachen und die Scherze, das Bewusstsein, in einer menschlichen Gemeinschaft zu leben, die versucht, Gemeinschaft zu sein. Trotz allem.
Von Fans der Tintenwelt wurde der letzte Teil der Trilogie mit Hochspannung erwartet. Seit Oktober 2007 ist es nun soweit: Der Buchbinder Mo und seine Familie leben in der Tintenwelt und kämpfen gegen den bösen Fürsten Natternkopf. Werden sie in der Tintenwelt bleiben oder in die reale Welt zurückkehren?
Cornelia Funke: Tintentod, Cecilie Dressler Verlag,
Hamburg 2007, 768 Seiten.
