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08.04.10

Haiti: 3 Monate nach dem Beben

Rick Perera/Übersetzung Michael Keller

Hoffnung, die über den Äther kommt.

Ein Gemeinderadio hilft den Überlebenden des Erdbebens, ihr Schicksal zu bewältigen.

DJ Bernard in seinem Element - der winzigen Radiostation. Foto: CARE/Rick Perera

DJ Bernard in seinem Element - der winzigen Radiostation. Foto: CARE/Rick Perera

Das Studio von Radio Francisque FM mag winzig erscheinen, aber strotzt nur so vor Aktivität. DJ Bernard Felusma bedient das Mix Pult. Seine Kopfhörer wirken wie am Kopf angeklebt, während er seine Zwei-Stunden Guten-Morgen-Show mit dem Namen Recréation 10-12 auflegt. Seine Musik stimmt optimistisch: kreolische Hits, Hip-Hop, und leicht wiederzuerkennende internationale Stars.

Unterhaltung ist ein wichtiges Geschäft für diese kleine Radiostation. Sie wird von CARE unterstützt und befindet sich im zweiten Stock eines Betongebäudes in Gros-Mornes, eine Stadt im Nordwesten Haitis. Nach jedem Lied schnipst Bernard das Mikrophon an und versorgt seine Zuhörer mit nützlichen Informationen: Gesundheit- und Hygienetipps, einem Fundbüro-Service für Einwohner, die beim Erdbeben wichtige Dokumente verloren haben, Ratschläge, wie die Menschen Regierungsdienste in Anspruch nehmen können – alles äußerst wichtige Informationen für die Vertriebenen und Obdachlosen. Es ist eine wichtige Aufgabe für Provinzstädte wie Gros-Mornes, Informationen an hunderttausende Menschen weiterzuleiten, die die völlig zerstörte Hauptstadt Port-au-Prince verlassen mussten. Besonders schwierig war dies in den ersten Tagen nach dem Beben, als sämtliche Kommunikationsmöglichkeiten unterbrochen waren.

Mit CARE auf Sendung

„Wir wollen Namen von Vermissten senden und sie zu unserer Schwester-Radiostationen in Port-au-Prince einladen, damit sie ihre Familien kontaktieren können“, wiederholt sich der Radiomoderator. Bernard ist 19 Jahre alt und freiwilliger Helfer – so wie alle 30 Mitarbeiter der Radiostation. Er verleiht der Radiostation ein junges und modernes Flair. Bernard und seine Kollegen sprühen nur so vor Enthusiasmus für das Projekt bei Francisque FM, das nach einer beliebten Sorte Mangos benannt ist.

Ein Teil von CAREs Unterstützung ist praktischer Natur: sicherzustellen, dass die Station auf Sendung bleibt. „Es gibt sechs Solaranlagen, zwölf Batterien und einen Gleichstromwandler um den Sender am Laufen zu halten, selbst wenn es in der Stadt keinen Strom mehr gibt“, sagt CARE Projektleiterin Dorcin Fresner, während sie auf einen kleinen Raum zeigt, der das elektronische Equipment von Francisque FM beinhaltet. „Wir haben sogar eine Internetleitung eingerichtet, indem wir ein Kabel von einem anderen Bürogebäude hier rüber gelegt haben. Aus diesem Grund kann die Station Teil eines Netzwerks werden, welches live aus Port-au-Prince sendet.“ Neben der Unterstützung im technischen Bereich leitet das Team von CARE auch das Training von 30 Nachwuchs-Journalisten, unterrichtet sie in Recherchemethoden sowie ethischen Kodizes, und unterstützt sie somit in ihrer Mission, die Bevölkerung zu bilden und die Regierung des Landes zu stärken.

Die Stimme der Stummen

Die ländliche Bevölkerung von Haiti hat nur wenige Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen. Laut der Organisation Internews lesen im ganzen Land nur etwa 80.000 Menschen eine Zeitung, die Hälfte der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben. Der Zugriff auf das Internet ist allein auf städtische Gebiete beschränkt. Zudem sind die meisten Fernsehapparate wegen der unregelmäßigen Stromversorgung unbrauchbar. Das meist genutzte Medium Haitis ist demnach das Radio: 92 Prozent der haitianischen Bevölkerung hören regelmäßig die Nachrichten aus dem Äther.

Man sieht es in den Nothilfecamps in Port-au-Prince: Dort versammeln sich Menschenmassen um die wenigen batteriebetriebene Radiogeräte. Sie klammern sich an ihre Radios, um Informationen aus der Heimat oder Tipps zum Überleben außerhalb der Hilfsnetzwerke zu erhalten. Durch das Unterstützen von kommunalen Radiostationen in ländlichen Ortschaften entwickelt CARE ein Netzwerk für einen Umschwung, wo es am dringendsten benötigt wird.
„Das Radio hat immense Macht und Einfluss in Haiti, und unser Ziel ist es, etwas von dieser Macht in die Hände derer zu legen, die von Tradition aus ausgelassen worden sind“, sagt Dorcin. „Wir möchten die Stimme der Stummen sein.“  

 

Die Fotogalerie zu Haiti zeigt Ihnen die erschreckenden Bilder der Zerstörung.



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